Das CHE-Hochschulranking 2007 ist angelaufen, auch an unserer FH haben viele Studenten bereits Fragebögen erhalten. Ein Anlass, um sich einmal mit dem Sinn und Unsinn des Rankings zu beschäftigen, und die Hintergründe zu beleuchten.
Was ist das CHE
Das „Centrum für Hochschulentwicklung“ (CHE) ist ein Projekt des Bertelsmann-Konzerns, der einen Großteil der deutschen Medien kontrolliert. Bertelsmann ist u.a. im Besitz oder beteiligt an: Stern, Spiegel, Financial Times Deutschland, Capital, Neon, RTL, RTL2, Super RTL, VOX, n-tv, Antenne Bayern usw., um nur die bekanntesten Medien zu nennen. Allein die RTL Group ist mit derzeit 39 Fernsehsendern und 29 Radiostationen der größte europäische Betreiber von Privatfernsehen und –radio. Ziel des CHE ist es, „Reformen“ im Hochschulbetrieb anzustoßen, um die Hochschulen als neuen Markt für den Muterkonzern zu öffnen. Dazu sollen Hochschulen Schritt für Schritt privatisiert und marktförmig organisiert werden. Der Erfolg, den das CHE dabei zu verzeichnen hat, geht nicht nur auf die geballte Medienmacht im Hintergrund zurück, die die neoliberalen Thesen des CHE auf allen Kanälen verbreitet, sondern ist auch auf die Strategie des Centrums zurückzuführen. Das CHE gibt sich in den gesellschaftlichen Debatten nämlich nicht als Konzernanhängsel zu erkennen, das versucht, die Profite von Bertelsmann zu vergrößern. Statt dessen mimt man den „gemeinnützigen“ Politikberater, der nur das Allgemeinwohl im Sinne hat. Vorschläge werden als wichtige und notwendige Reformen, statt als Konzerninteresse verkauft. Aufklärung über diese Verschleierungstaktik hat es wiederum schwer, sich Gehör zu verschaffen, weil die etablierten Medien entweder direkt mit Bertelsmann verbunden sind, oder, wie z.B. im Fall des zweiten großen Medienkonzerns Springer, die neoliberalen Ziele teilen.
Studiengebühren
Erfolgreich war das CHE bisher u.a. mit der Forderung nach der Einführung von allgemeinen Studiengebühren. Die Bundesländer machten sich nicht einmal die Mühe, eigene Gedanken in die Gesetzentwürfe einfließen zu lassen, sondern übernahmen die CHE-Vorschläge (wie im Fall Bayern) nahezu 1:1. Vorausgegangen war eine Medienkampagne zur Einführung der Gebühren, die wegen der Omnipräsenz und der gebetsmühlenartigen Wiederholung der vom CHE erarbeiteten „Argumente“ tatsächlich Anhänger fand, oder zumindest dem Normalbürger den Eindruck vermittelte, der „öffentlichen Meinung“ zu entsprechen. Gegenentwürfe und –argumente hatten in der Mainstreampresse keinen Platz – so entstand bei unbedarften Bürgern die Meinung, es gäbe keine, ebensowenig wie gesellschaftlich relevante Gruppen, die sich gegen Gebühren aussprechen. Das Gegenteil war der Fall. Auch Umfragen zeigten immer eine große Mehrheit für den demokratischen und unentgeltlichen Zugang zur Hochschule – doch die Medien vermittelten das gegenteilige Bild. Dieser gelungene Bertelsmann-Coup ist ein Paradebeispiel, wie der Konzern versucht, demokratische Prozesse auszuhebeln, um die eigenen Interessen durchzusetzen.
Autoritäre Führungsstrukturen an der Hochschule
Das CHE arbeitet natürlich nicht nur an der flächendeckenden Einführung von Gebühren. Um die Hochschulen in gewinnbringende Unternehmen umzugestalten, die dann von Privatfirmen übernommen werden können, braucht es noch weitergehende „Reformen“. Interesse hat das CHE u.a. an der Abschaffung der (minimalen) demokratischen Abläufe an den Hochschulen. Leitungsgremien sollen zu einem unabhängigen Management werden, das die Hochschule wie ein Unternehmen führt. Wahlen zu den Gremien sind deshalb undenkbar. Statt demokratisch von unten nach oben sollen Hochschulen nach dem Top-Down-Prinzip organisiert werden. Ganz unten stehen dann die vollkommen rechtlosen Studierenden. Die Politik der Hochschule soll dann einzig von der Chefetage bestimmt werden. Mit der Einführung von sogenannten Hochschulräten hat das CHE auch auf diesem Sektor Erfolg. In Bayern wurden die halbwegs demokratisch legitimierten Gremien entmachtet, und an die Spitze ein zur Hälfte mit vom Ministerium ernannten „Persönlichkeiten aus der Wirtschaft“ besetzter Hochschulrat gesetzt. So bekommen einige Unternehmen kostenlosen Zugriff auf die Leistungen der Hochschule, statt wie bisher Umwege durch Sponsoring oder „Kooperationen“ gehen zu müssen. Im Falle der Ohm-Hochschule sind das die Elektrobit Automotive Software GmbH, die Schaeffler KG und die Müller Medien GmbH & Co.KG.
Das CHE-Hochschulranking
Das Centrum für Hochschulentwicklung ist auch verantwortlich für das bekannteste Hochschulranking in Deutschland. Dabei soll angeblich die Qualität der Studiengänge und Fachbereiche der Hochschulen ermittelt werden, die dann Grundlage für eine Rangliste darstellt. Natürlich legt dabei das CHE fest, was als Indikator für Qualität gewertet wird. So wird sichergestellt, dass die Hochschulen nach den neoliberalen Kriterien von Bertelsmann bewertet werden. Wie die Auswertung vor sich geht, behält das CHE lieber für sich. Das Ranking erntete immer wieder Kritik wegen problematischer Erhebungsmethoden und mangelnder Transparenz. Österreich und die Schweiz haben deshalb inzwischen die Zusammenarbeit mit dem CHE aufgekündigt. Nur Deutschland hält leider weiter an Bertelsmann fest.
Nötig ist allerdings nicht nur methodische, sondern auch grundsätzliche Kritik am CHE-Ranking. Dessen Erstellung und Verbreitung von Hochschul-Hitparaden erfolgt schließlich nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern verfolgt mehrere Ziele. Zum einen soll natürlich der Anschein erweckt werden dem CHE ginge es um die „Qualität“ der Hochschulen, oder das CHE vertrete gar die Interessen der Studierenden. Außerdem soll die Hochschulausbildung als Dienstleistung von Unternehmen dargestellt werden, die miteinander im Wettbewerb stehen. Die Studierenden sollen sich als Kunden empfinden, die autonom darüber entscheiden, an welcher Hochschule sie studieren. Dass das natürlich in den meisten Fällen jetzt schon nicht so ist, und die Pläne des CHE gar vorsehen, dass sich die Unis alleine ihre Studenten aussuchen, statt andersherum, fällt natürlich unter den Tisch. Darüber hinaus soll man sich als Student wenn es nach dem CHE geht mit dem Gedanken anfreunden, dass nicht etwa jedem Studierenden die bestmögliche Ausbildung zusteht, sondern wenigen eine gute, einigen eine mittelmäßige und vielen eine schlechte. Demokratie und Gleichheit sind out, Hochschulen und damit ihre Ausbildung sollen weiter hierarchisiert werden – damit einher geht der Status als Student 2. oder 3. Klasse. Vorbild sind dabei etwa die USA, wo die Höhe der Gebühren mit dem Ansehen der Hochschule korreliert. So werden die Chancen des Nachwuchses entsprechend dem Geldbeutel der Eltern verteilt.
Grundsätzlich geht es dem CHE also auch beim Ranking darum, die weitere Privatisierung der Hochschulen und ihre Umwandlung in profitorientierte Unternehmen sowie eine allgemeine Abkehr vom demokratischen Bildungsideal zu forcieren.
Erste Ausstiegstendenzen
Inzwischen sind die Fragebögen für das CHE-Ranking 2007 verschickt, doch gibt es erste Ausstiegstendenzen auch in Deutschland. Die Berliner Alice-Salamon-Fachhochschule etwa wird dieses Jahr nicht am Hochschul-Ranking teilnehmen – so hat es die Vollversammlung der Studierenden beschlossen.
Langsam wird die Kritik an CHE und Bertelsmann immer lauter. So fand am 27.Oktober in Frankfurt eine Bertelsmann-kritische Tagung statt. Der Titel „Das Schattenkabinett aus Gütersloh“ hatte durchaus seine Berechtigung, schließlich beschränkt sich die undemokratische Einflussnahme des Konzerns nicht auf Hochschul- oder Bildungspolitik, sondern erfasst alle wichtigen gesellschaftlichen Bereiche.
Weiterführende Informationen:
Schlagworte: bertelsmann, centrum, che, Gebühren, hochschulentwicklung, hochschulranking, lobbyismus, neoliberalismus, pr, ranking, Terror
31.10.07 um 16:00 |
Sehr gut geschriebener Artikel! Danke.
Ich als Student werde auf jeden Fall die Teilnahme am Ranking boykottieren; unsere Hochschule dagegen macht natürlich munter mit ohne auch nur einmal nachzudenken. Dies (das Nichtnachdenken) scheint allerdings eine allgemeine Tendenz in diesem Betrieb zu sein.
12.02.08 um 10:46 |
Ich erlaube mir einen manuellen Trackback auf einen thematisch verwandten Artikel:
Studiengebühren flexibilisieren
Herzlichen Dank.
03.03.08 um 3:02 |
Hi, es gibt auch ein „freies“ Hochschulranking ganz ohne Profil & Werbung –> http://www.unicp.de bitte unterstützt das Projekt, da es im Vergleich zu den „Großen“ echt Vorteile bietet!
Grüße, Gina